top of page

Die KI sagt, das ist so

  • Autorenbild: Eva Heinz-Zentgraf
    Eva Heinz-Zentgraf
  • vor 6 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Jahressteuergesetz 2024 - Neuigkeiten

 


Es war wieder einer dieser Momente, die man als lehrende Person schwer einordnen kann: Zwischen Erstaunen, Frust und (ich sag’s ganz ehrlich) einer gewissen Erschöpfung.


Zwei Existenzgründerseminare lagen hinter mir, beide mit einer ordentlichen Portion Energieaufwand. Nicht, weil ich etwa schlecht vorbereitet war oder das Thema mich unterforderte – ganz im Gegenteil! Ich unterrichte mit Herzblut Buchhaltung, Steuerrecht, Kalkulation und die geliebte Einnahmen-Überschuss-Rechnung. Aber diesmal war es anders. Diesmal stieß ich an meine Grenzen.

 

Denn fast jeder zweite Satz von mir wurde... nun ja, sagen wir: „kommentiert“.

 

Zuerst dachte ich noch: „Prima, die sind engagiert!“ Doch der Schein trog. Denn was da zurückkam, war nicht etwa konstruktives Nachfragen oder kritisches Mitdenken – es waren vermeintliche Fakten, die mit fester Überzeugung präsentiert wurden. Schwellenwerte, die es nie gab. Steuerliche Regelungen, die seit Jahren überholt sind. Oder ganze Konzepte, die man so... kreativ nur von ChatGPT & Co. serviert bekommt.

 


Zwischen Fakten und Fiktion: Wenn die KI zur Gründungsberaterin wird

 

Ich möchte vorweg sagen: Ich bin keine Technikverweigerin. Ich nutze selbst künstliche Intelligenz in meinem Arbeitsalltag. KI kann wunderbar unterstützen – beim Formulieren von Texten, beim Strukturieren von Ideen, oder beim Erstellen von Checklisten.

 

Aber, meine Damen und Herren: Im Steuerrecht hört der Spaß auf.

 

Warum? Weil steuerliche Regelungen nicht nur komplex, sondern auch ständig im Wandel sind. Was heute gilt, kann morgen schon durch ein neues BMF-Schreiben relativiert oder durch ein Gerichtsurteil komplett ausgehebelt sein.

Und die KI? Die hat oft einen Datenstand von „irgendwann mal“, mixt internationale mit deutschen Regelungen und klingt dabei auch noch ziemlich überzeugt von sich selbst. Als würde sie jeden Tag mit dem Bundesfinanzministerium frühstücken.

 


Typische KI-Missverständnisse im Gründeralltag

 

Lassen wir mal die Theorie beiseite und kommen zur Praxis. Hier ein paar Beispiele, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind:

 

  1. „Geschenke sind doch immer absetzbar!“

    – Ach, wäre das schön! Aber nein – nur Geschenke mit einem Wert von maximal 50 Euro pro Person und Jahr sind als Betriebsausgabe abziehbar – vorausgesetzt, sie gehen nicht an eigene Arbeitnehmer. Und bitte an die Aufzeichnungspflichten denken! (§ 4 Abs. 5 Nr. 1 EStG lässt grüßen.)


  2. „Ich hab gelesen, dass die Kleinunternehmergrenze bei 30.000 Euro liegt.“

    – Leider falsch. Die Grenze liegt bei 25.000 Euro im Vorjahr und 100.000 Euro im laufenden Jahr – wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann man die Kleinunternehmerregelung nach § 19 Abs. 1 UStG in Anspruch nehmen. Von 30.000 Euro war im Gesetz übrigens nie die Rede – das ist ein klassischer Mythos aus dem Internet.


  3. „Abschreibung läuft doch grundsätzlich über 10 Jahre, hat die KI gesagt.“

    – Schön wär’s – aber das wäre ein bisschen zu einfach. Tatsächlich richtet sich die Nutzungsdauer nach der Art des Wirtschaftsguts. Mal sind’s 1 Jahr (z. B. bei einem Laptop), mal 6 Jahre (z. B. bei einem PKW), und bei Gebäuden kann es auch 33 Jahre sein. Eine pauschale 10-Jahresregel gibt’s jedenfalls nicht. Wer’s genau wissen will, schaut mal in § 7 EStG oder die amtlichen AfA-Tabellen der Finanzverwaltung.

 

Jeder dieser Sätze hätte mit einer kleinen Nachfrage bei einem echten Steuerberater oder einer fundierten Recherche  geklärt werden können. Aber nein – es wurde blind der KI vertraut.

 


Die Ursachen: Schnelle Antworten vs. langsames Denken

 

Ich verstehe die Versuchung. KI liefert schnell Antworten, rund formuliert, selbstbewusst präsentiert. Keine Wartezeiten. Kein Paragraphen-Dschungel. Kein „Da müssen wir nochmal ins Gesetz schauen.“

 

Aber was dabei oft fehlt, ist das Bewusstsein für Kontextaktuelle Gesetzeslagen und – ganz wichtig – verantwortungsvolle Anwendung. Steuerrecht ist eben kein Chatspiel, sondern Grundlage für rechtssichere unternehmerische Entscheidungen.

 


Unternehmertum braucht mehr als Tools: Es braucht Verständnis

 

Was mich dabei besonders beschäftigt: Es geht ja nicht „nur“ um falsche Zahlen. Es geht um die Haltung, mit der viele Gründerinnen und Gründer heute starten:

 

  • „Ich hab das gegoogelt.“

  • „Die KI hat gesagt…“

  • „Auf Insta hat jemand erklärt, dass man das steuerfrei machen kann.“

 

So wird kein Unternehmer geboren.

 

Ein Unternehmen führen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Auch für sich selbst, für Entscheidungen – und für das eigene Wissen.

 

Wer blind alles glaubt, was digital glänzt, der landet schnell in der nächsten Betriebsprüfung. Und die KI hilft einem dann auch nicht aus dem Schlamassel raus.


 

Wo liegt die Lösung?

 

Was tun? Technik verteufeln? Nein! Das wäre Unsinn. Ich plädiere für einen informierten Umgang mit KI, insbesondere im steuerlichen und buchhalterischen Kontext.


Dazu gehört:


  1. Basiswissen vor KI-Wissen: Wer die Grundzüge von Buchführung, Steuerrecht und Kalkulation kennt, erkennt auch eher, wann die KI Quatsch erzählt.

  2. Gegenprüfen mit zuverlässigen Quellen: Bundesfinanzministerium, Haufe, NWB oder – mein persönlicher Favorit – das gute alte Steuergesetz!

  3. Verantwortungsvolles Anwenden: KI als Werkzeug begreifen, nicht als allwissende Instanz.

  4. Und ja, auch mal sagen: „Da frag ich lieber meine Dozentin!“ 

 


Tipp aus dem Nähkästchen: Der 5-Punkte-KI-Check für steuerliche Aussagen

 

Bevor Sie der nächsten Aussage aus dem Internet oder einer KI blind vertrauen… bitte einmal kurz innehalten und diese fünf Fragen durchgehen.


 

1. Quelle prüfen: Woher stammt die Information – und gibt es eine gesetzliche Grundlage dafür?

 

Viele Aussagen im Netz oder aus KI-Tools klingen sehr überzeugend – das macht sie aber noch lange nicht richtig. Fragen Sie sich bitte:

 

„Gibt es für diese Aussage ein konkretes Gesetz, eine Verordnung oder ein offizielles Schreiben?“

 

Und ganz wichtig: Prüfen Sie die Quelle aktiv nach. Aussagen ohne Beleg aus einer vertrauenswürdigen Quelle gehören in die Kategorie „unsicher“ – und können schnell teuer werden.


 

2. Aktualität checken: Ist die Information auf dem Stand des aktuellen Jahres?

 

Gerade steuerrechtliche Regelungen ändern sich regelmäßig. Viele Inhalte, auf die Sie stoßen, stammen aus früheren Jahren – oft sogar noch aus der Zeit vor Corona.

 

Prüfen Sie daher: „Ist diese Regelung noch aktuell?“

 

Ein veralteter Schwellenwert oder ein überholter Paragraph kann schnell zur Stolperfalle werden – nicht nur in der Theorie, sondern auch gegenüber dem Finanzamt.


 

3. Praxisbezug hinterfragen: Passt das auf meine konkrete Situation?

 

Eine der häufigsten Fehlerquellen: Verallgemeinerungen. Was für ein mittelständisches Unternehmen oder eine Kapitalgesellschaft gilt, muss auf Sie als Einzelunternehmer oder Freiberufler noch lange nicht zutreffen.

 

Fragen Sie sich: „Bin ich mit meiner Situation hier überhaupt gemeint?“

 

Nicht jede Regel passt auf jeden Fall – und Standardantworten helfen bei individuellen Fragen oft nicht weiter.



4. Rechtsform beachten: Ihre Unternehmensform macht den Unterschied!

 

Ob Sie freiberuflich tätig sind, ein Gewerbe angemeldet haben oder in einer Gesellschaft arbeiten – jede Rechtsform hat ihre eigenen steuerlichen Regeln, Pflichten und Spielräume.

 

Ein häufiger Fehler ist es, Aussagen ungeprüft zu übernehmen – ohne Rücksicht auf die tatsächliche Rechtsform.

 

Denken Sie bitte daran:

Freiberuflich ≠ Gewerbebetrieb

Einzelunternehmen ≠ Personengesellschaft ≠ Kapitalgesellschaft


 

5. Im Zweifel: Fragen Sie einen Fachmann – immer!

 

Niemand muss alles wissen. Viel wichtiger ist es, sich rechtzeitig Rat zu holen, bevor kleine Fehler zu großen Problemen führen.

 

Steuerberater, Fachdozent, die IHK oder die Handwerkskammer – es gibt viele kompetente Anlaufstellen.

 

Scheuen Sie sich nicht, diese zu nutzen. Ein klärendes Gespräch spart später nicht nur Nerven, sondern oft auch bares Geld.



Mein Tipp zum Schluss:

 

Nutzen Sie KI-Tools gerne als Unterstützung – für die erste Orientierung, für Textvorschläge oder Checklisten.


Aber wenn es um steuerliche Entscheidungen geht, braucht es mehr: Verlässliche Quellen, aktuelle Informationen und individuellen Kontext. Und den liefert Ihnen kein Chatbot, sondern nur das Zusammenspiel aus Wissen, Erfahrung und Beratung.

 


Was ich mir wünsche

 

Ich wünsche mir Gründer, die mit echtem Interesse und gesunder Neugier an ihre Aufgaben herangehen. Menschen, die sich nicht mit der erstbesten Antwort zufriedengeben, nur weil sie gut klingt oder schnell verfügbar ist. Sondern die bereit sind, tiefer zu schauen, zu hinterfragen und zu verstehen – auch wenn das manchmal mehr Zeit und Mühe kostet. Denn genau das ist es, was unternehmerisches Denken im Kern ausmacht: Verantwortung übernehmen – auch für das eigene Wissen.

 

Ich wünsche mir, dass wir - ob als Dozenten, Berater, Unternehmer oder erfahrene Praktiker - gemeinsam daran arbeiten, digitale Werkzeuge sinnvoll einzubinden. Dass wir den Nutzen von künstlicher Intelligenz und modernen Tools erkennen und nutzen, aber stets mit dem Bewusstsein, dass sie Fachwissen nicht ersetzen können. Digitale Helfer sind willkommen – aber sie gehören in kluge Hände, die wissen, wie man Informationen prüft, einordnet und verantwortungsvoll anwendet.

 

Ich wünsche mir weniger Diskussionen, die mit den Worten beginnen: „Aber ChatGPT hat gesagt…“


Und dafür mehr Momente, in denen jemand sagt: „Jetzt habe ich es wirklich verstanden – danke für die Erklärung!“


Denn genau dann entsteht echtes Lernen. Und genau das ist es, was langfristig trägt – im Geschäftsleben, in der Buchhaltung, im Steuerrecht... und eigentlich überall.

 


Quintessenz

 

Künstliche Intelligenz kann eine wunderbare Unterstützung sein. Sie hilft, Dinge zu strukturieren, Texte zu formulieren und erste Antworten zu liefern. Aber eines kann sie nicht:


Sie ersetzt weder fundiertes Fachwissen noch die Erfahrung von Menschen, die sich seit Jahren mit diesen Themen beschäftigen.

 

Wer ein Unternehmen führen möchte, braucht mehr als Tools und Technik. Es braucht Urteilsvermögen, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, sich wirklich mit den Grundlagen auseinanderzusetzen. Gerade in der sensiblen Gründungsphase.

 

Ja, es ist verlockend, sich auf schnelle Antworten zu verlassen. 

Ich verstehe das.

 

Aber wenn Sie langfristig erfolgreich und rechtssicher unterwegs sein wollen, verlassen Sie sich besser auf das, was wirklich trägt: verlässliche Quellen, gesunden Menschenverstand und Menschen, die wissen, wovon sie sprechen.

 

Und ganz ehrlich? Ich bin gerne an Ihrer Seite.

Ich erkläre es Ihnen auch zum zehnten Mal – ob zur Buchhaltung, zum Freibetrag oder zur Umsatzsteuer.

 

Denn jede Frage ist berechtigt, wenn sie zum besseren Verständnis führt.


Es gibt keine dummen Fragen. 

Nur den Mut, sie zu stellen 💙



bottom of page