top of page

Wiederlesen reicht nicht

  • Autorenbild: Eva Heinz-Zentgraf
    Eva Heinz-Zentgraf
  • 15. Juli
  • 7 Min. Lesezeit
Effektives Zeitmanagement

 

Es gibt einen Satz, den ich in Kursen und Weiterbildungen immer wieder höre: „Das habe ich doch schon gelesen."


Und ganz ehrlich, genau darin steckt häufig schon die erste große Lernfalle.


Vielleicht kennen Sie das auch: Sie schlagen Ihre Unterlagen auf, lesen eine Definition, sehen einen bekannten Begriff und denken sofort: Ach ja, kenne ich. Vielleicht erinnern Sie sich sogar dunkel daran, das schon einmal gehört zu haben.



Lernen ist kein Zufall: Warum „Ich kenne das doch schon" oft trügerisch ist


Und innerlich passiert etwas ganz Menschliches: Wir setzen einen Haken dahinter. Erledigt. Nur leider funktioniert Lernen so meistens nicht. Denn Bekanntheit ist noch lange kein Verstehen!


Und genau das fällt oft erst viel später auf. Nämlich dann, wenn Prüfungen näher rücken, eine Aufgabe plötzlich anders formuliert wird oder man merkt: Moment mal, warum kann ich das eigentlich nicht erklären? Das wusste ich doch schon.


Ich höre immer wieder die Frage: „Wie gehe ich denn überhaupt richtig ans Lernen ran?" Und ehrlich gesagt ist das eine sehr gute Frage. Denn Lernen bedeutet eben nicht automatisch, möglichst lange über Unterlagen zu sitzen, Texte mehrfach zu lesen oder sich nach drei Stunden Schreibtischzeit produktiv zu fühlen.


Gerade bei anspruchsvollen Prüfungen lohnt sich ein anderer Blick auf die Vorbereitung.


Aus meiner Erfahrung beginnt gutes Lernen deutlich früher, als viele denken. Und damit meine ich nicht hektisches Pauken Monate im Voraus. Es geht vielmehr um Orientierung. Schon ein halbes oder dreiviertel Jahr vor einer Prüfung kann es unglaublich hilfreich sein, sich alte Prüfungen anzuschauen.


Nicht mit dem Anspruch, sofort alles lösen zu können. Ganz im Gegenteil. Es geht erstmal darum, ein Gefühl zu entwickeln. Wie sehen Aufgabenstellungen überhaupt aus? Welche Fragen werden gestellt? Welche Themen tauchen regelmäßig auf? Und vor allem: Wie wird gefragt?


Denn genau hier erleben viele eine kleine Überraschung. Prüfungsfragen sind nicht immer so eindeutig formuliert, wie man es sich wünschen würde. Manche Aufgaben wirken offen, andere arbeiten mit Fachbegriffen, bei denen man erstmal kurz innehält. Gelegentlich begegnen einem Formulierungen, bei denen man denkt: Was genau möchten die jetzt eigentlich von mir hören?


Ich nenne solche kleinen Stolpersteine manchmal augenzwinkernd „Einserbremsen". Nicht, weil jemand absichtlich verwirren möchte (oder vielleicht doch 😅), sondern weil diese Formulierungen genau die Momente sind, in denen Unsicherheit entsteht. Selbst gut vorbereitete Teilnehmerinnen und Teilnehmer geraten hier manchmal ins Grübeln. Und genau deshalb lohnt sich frühe Orientierung so sehr.


Ja, und in dieser Phase darf man durchaus auch einmal in Lösungen schauen. Nicht, um sich etwas schönzureden oder Antworten auswendig zu lernen. Sondern um überhaupt erstmal einschätzen zu können: Was wird hier eigentlich verlangt? Wie ausführlich muss eine Antwort sein? Welche Gedankengänge werden erwartet? Wie tief muss ich ein Thema wirklich verstehen? Das nimmt erstaunlich viel Druck heraus.



Warum Wiedererkennen und Wiederlesen uns so gerne täuscht


Mit der Zeit schleicht sich allerdings häufig etwas ein, das ich persönlich für eine der größten Lernfallen überhaupt halte: der Bekanntheitseffekt.


Ein Begriff taucht auf und sofort denkt man: Ja, habe ich schon einmal gehört. Oder: Das kenne ich. Und zack, innerlich bekommt das Thema einen Haken.


Das Problem dabei ist nur: Unser Gehirn verwechselt Bekanntheit sehr gerne mit Können. Nur weil uns etwas vertraut vorkommt, heißt das noch lange nicht, dass wir es wirklich verstanden haben. Oder dass wir es sicher anwenden könnten.


Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nie: Kommt mir das bekannt vor? Sondern vielmehr: Könnte ich das jemand anderem erklären? Und genau da wird es spannend.


Stellen Sie sich öfter die Frage: „Warum eigentlich?"


Denn spätestens wenn wir anfangen, Dinge erklären zu wollen, merken wir ziemlich schnell, wo es noch hakt.


Gerade bei Rechenaufgaben beobachte ich das immer wieder. Da wird gerechnet, Formeln werden eingesetzt und Schritte übernommen, ohne dass wirklich klar ist, warum eigentlich.


Warum rechne ich genau das? Warum funktioniert diese Formel? Warum steht diese Größe an genau dieser Stelle?


Solange Aufgaben genauso aussehen wie im Unterricht, klappt das oft erstaunlich gut. Sobald eine Aufgabe aber leicht verändert wird, gerät vieles ins Wanken.


Deshalb halte ich die Frage „Warum ist das eigentlich so?" für eine der wertvollsten Lernfragen überhaupt. Denn unser Gehirn liebt Zusammenhänge. Wenn Dinge verstanden werden, müssen sie oft deutlich weniger auswendig gelernt werden. Und genau deshalb gehört für mich Wiederholen unbedingt dazu.


Nicht als stumpfes Lesen, sondern aktiv.



Wissen sichtbar machen: Mindmaps und Gedächtnisstützen


Lernen funktioniert selten wie eine gerade Linie. Unser Gehirn denkt nicht in sauber abgearbeiteten Kapiteln, sondern in Verbindungen, Mustern und Zusammenhängen. Genau deshalb fällt es uns oft leichter, Inhalte zu behalten, wenn wir sie miteinander verknüpfen, statt sie nur nacheinander auswendig zu lernen.


Ich arbeite bis heute unglaublich gerne mit Mindmaps. Viele denken dabei sofort an Schulzeit und bunte Filzstifte. Dabei steckt darin viel mehr. Sobald Inhalte sichtbar miteinander verbunden werden, entsteht plötzlich Struktur. Große Themen wirken weniger chaotisch und Zusammenhänge werden greifbar.


Ähnlich hilfreich können Gedächtnisstützen sein, sogenannte Mnemotechniken. Unser Gehirn liebt Bilder, Geschichten und emotionale Verknüpfungen. Vielleicht kennen Sie das sogar noch aus der Schulzeit: Ein Merksatz ist bis heute präsent, obwohl der eigentliche Unterricht längst in Vergessenheit geraten ist.


Genau dieses Prinzip lässt sich bewusst für das Lernen nutzen. Kleine Eselsbrücken, bildhafte Vergleiche oder kurze Geschichten helfen dabei, schwierige Begriffe, Reihenfolgen oder Zusammenhänge leichter abrufbar zu machen. Sobald Wissen mit Bildern oder Geschichten verknüpft wird, bleibt es oft erstaunlich viel besser im Gedächtnis. Denn je lebendiger Informationen abgespeichert werden, desto leichter lassen sie sich später wieder hervorholen.



Mein Lieblingswerkzeug: der Spickzettel, den man nie braucht


Und dann gibt es noch einen alten Klassiker, den vermutlich viele heimlich kennen: den berühmten Spickzettel.


Keine Sorge, ich möchte hier keineswegs zum Schummeln aufrufen. 😊


Aber ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, mir ging es immer so: In dem Moment, in dem ich mir einen Spickzettel geschrieben hatte, habe ich ihn am Ende fast nie gebraucht. Warum? Weil allein das Schreiben schon Lernen war.


Sobald wir gezwungen sind, Inhalte auf das Wesentliche herunterzubrechen, sortiert unser Gehirn automatisch. Was ist wirklich wichtig? Was brauche ich unbedingt? Wie kann ich etwas kurz und verständlich formulieren? Oder anders gesagt: durch die Hand in den Kopf.


Ganz ähnlich funktionieren übrigens Karteikarten. Vorne steht ein Begriff, hinten die Erklärung. Und mit der Zeit darf diese Erklärung immer kleiner werden. Erst ganze Sätze, später Stichpunkte, irgendwann reichen wenige Schlüsselbegriffe und plötzlich ist das ganze Thema wieder da.


Und dann beginnt eigentlich erst das, was Lernen wirklich ausmacht: Anwenden. Lesen allein reicht nicht.



Lernen passiert beim Anwenden; nicht beim Konsumieren!


Erklären Sie Inhalte anderen. Tauschen Sie sich in Lerngruppen aus. Halten Sie kleine Kurzvorträge, selbst wenn nur vor sich selbst in der Küche. Klingt vielleicht erstmal etwas seltsam, funktioniert aber erstaunlich gut.


Denn in dem Moment, in dem wir Wissen aussprechen, merken wir sofort, ob wir etwas wirklich verstanden haben. Und noch etwas wird dabei häufig unterschätzt: Pausen.



Lernen darf individuell sein


Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal dabei ertappt, andere Menschen beim Lernen zu beobachten und zu denken: Wie macht der oder die das eigentlich? Während die eine Person ihre Unterlagen liebevoll mit Farben, Pfeilen und Markierungen versieht, läuft der Nächste scheinbar ziellos durchs Wohnzimmer und murmelt Definitionen oder Buchungssätze vor sich hin. Wieder jemand anderes schreibt seitenlange Zusammenfassungen, fast wie ein kleines Lehrbuch in Eigenregie. Und dann sitzt man manchmal davor und fragt sich vielleicht sogar: Lerne ich eigentlich falsch?


Die gute Nachricht vorweg: Sehr wahrscheinlich nicht.


Denn Lernen darf individuell sein. Und mehr noch: Lernen sollte individuell sein.


Wir Menschen sind unterschiedlich, denken unterschiedlich, verarbeiten Informationen unterschiedlich und bringen ganz verschiedene Erfahrungen mit. Warum also sollten wir alle auf exakt dieselbe Weise lernen?


Manche Menschen profitieren enorm davon, Dinge sichtbar zu machen. Farben, Strukturen, Diagramme oder kleine Skizzen helfen dabei, Ordnung in komplexe Themen zu bringen. Gerade bei trockenen Stoffgebieten wie Steuerrecht, Buchführung oder Rechnungswesen kann das ein echter Rettungsanker sein. Vielleicht hilft es Ihnen, Aktivierungsverbote rot zu markieren, Fristen farblich hervorzuheben oder Zusammenhänge in einer Mindmap sichtbar werden zu lassen. Plötzlich wirkt ein riesiger Themenberg nicht mehr ganz so einschüchternd, sondern eher wie eine Landkarte, auf der man sich orientieren kann.


Andere Menschen lernen wiederum besonders gut über Sprache. Vielleicht gehören Sie zu denen, die Inhalte erst dann wirklich verstehen, wenn sie laut ausgesprochen werden. Dann scheuen Sie sich bitte nicht davor, sich selbst Dinge zu erklären, ja, ruhig laut. Ihr Wohnzimmer darf kurzfristig auch einmal zum kleinen Hörsaal werden. Erstaunlich oft merken wir nämlich genau in dem Moment, in dem wir versuchen, etwas in Worte zu fassen: Moment mal, verstanden habe ich das wohl doch noch nicht ganz. Und genau das ist wertvoll. Lernen beginnt häufig dort, wo wir unsere eigenen Wissenslücken bemerken.


Wieder andere Menschen brauchen Bewegung. Wenn Sie also beim Lernen kaum still sitzen können, bedeutet das nicht automatisch mangelnde Konzentration. Vielleicht tickt Ihr Gehirn einfach anders. Manche Inhalte setzen sich erstaunlich gut fest, wenn wir spazieren gehen, Karteikarten unterwegs durchgehen oder uns beim Wiederholen bewegen. Unser Gehirn liebt Sauerstoff und Durchblutung, und manchmal kommen die besten Gedanken eben nicht am Schreibtisch, sondern beim Gehen.


Und dann gibt es natürlich diejenigen, die schreiben, schreiben und noch einmal schreiben. Zusammenfassungen formulieren, Inhalte in eigenen Worten erklären oder kleine Lernjournale führen. Auch das hat seinen Grund: Sobald wir Wissen in eigene Sprache übersetzen, passiert bereits Verarbeitung. Wir kopieren nicht mehr nur Informationen, sondern machen sie ein kleines Stück zu unserem eigenen Wissen.


Die Wahrheit ist wahrscheinlich: Die wenigsten Menschen lernen ausschließlich auf eine einzige Weise. Viel häufiger sind wir kleine Mischwesen. Wir lesen, schreiben, hören, sprechen, markieren, laufen herum, erklären, verwerfen und probieren Neues aus. Und das ist sogar ausgesprochen sinnvoll.


Denn Lernen wird oft genau dann besonders wirksam, wenn mehrere Wege zusammenkommen. Wenn wir etwas lesen, anschließend zusammenfassen, danach laut erklären und schließlich anwenden. Wenn aus passivem Konsum aktives Arbeiten wird.


Es geht also gar nicht darum, sich auf einen einzigen Lernstil festzulegen oder zwanghaft nach der einen perfekten Methode zu suchen. Viel wichtiger ist die Frage: Was hilft mir wirklich dabei, Wissen zu verstehen, zu behalten und später wieder abrufen zu können?


Lernen funktioniert oft nicht nach dem Prinzip „Entweder-oder", sondern lebt von einem „Sowohl-als-auch".



Quintessenz


Lernen ist keine Frage von Talent und schon gar kein Zufall. Gute Vorbereitung beginnt oft viel früher, als viele denken. Nutzen Sie alte Prüfungen, um Orientierung zu gewinnen, Stolperfallen kennenzulernen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was überhaupt verlangt wird.


Achten Sie dabei besonders auf den Bekanntheitseffekt. Nur weil etwas vertraut wirkt, heißt das noch lange nicht, dass es sicher beherrscht wird. Fragen Sie sich stattdessen immer wieder: Könnte ich das erklären?


Nutzen Sie Wiederholung bewusst. Arbeiten Sie mit Mindmaps, kleinen Gedächtnisstützen, Karteikarten oder schreiben Sie sich Ihren ganz persönlichen „Spickzettel". Erklären Sie Inhalte anderen Menschen und trauen Sie sich, Wissenslücken sichtbar zu machen.


Denn nachhaltiges Lernen entsteht nicht durchs Lesen allein. Es entsteht durch Verstehen, Wiederholen und Anwenden. Schritt für Schritt.

 




Der Download


Ein praktischer Leitfaden für Ihre persönlichen Favoriten bei den Lernmethoden. Suchen Sie sich hier genau das aus, was zu Ihnen passt. Viel Spaß dabei!






bottom of page