Der Zauber des relativen Deckungsbeitrags
- Eva Heinz-Zentgraf

- 13. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Es ist der 30. Dezember 2025.
Zwischen halb gegessenen Plätzchen, dem fünften Espresso des Tages und einem Postfach, das sich vor „Jetzt-noch-schnell“-Mails biegt, erreicht mich eine Nachricht, die es in sich hat.
Ein Teilnehmer ist ins Grübeln geraten. Genauer gesagt: ins Stolpern 😮
Und zwar über eine dieser berühmt-berüchtigten Aufgaben zum relativen Deckungsbeitrag, verbunden mit der Frage nach dem optimalen Produktionsprogramm.
Und Zack! Da ist sie wieder: die Lieblingsfrage aller Controller, Betriebswirte und Gründer mit Produktionshintergrund 😄 und gleichzeitig eine, bei der man schnell ins Schwimmen kommt, wenn man nicht sauber zwischen Vollkosten-und Teilkostenrechnung unterscheidet.
Also legen wir los: Was hat es mit dieser „Deckungsbeitragsdenke“ auf sich – und warum ist sie so unfassbar nützlich, wenn Kapazitäten knapp sind?
Teilkostenrechnung, oder auch: was soll der Aufwand?
Bevor wir tief einsteigen, kurz ein Realitätscheck:
In vielen Unternehmen wird aus alter Gewohnheit nach Vollkostenprinzipien kalkuliert.
Das bedeutet: Es werden alle Kosten, ob fix oder variabel, auf Produkte oder Leistungen umgelegt. Das führt oft zu Verzerrungen, insbesondere wenn es darum geht, kurzfristige Entscheidungen zu treffen.
Und genau hier schlägt die Stunde der Teilkostenrechnung.
Sie unterscheidet ganz bewusst zwischen:
Fixkosten (bleiben kurzfristig konstant)
Variablen Kosten (verändern sich mit der Produktionsmenge)
Im Mittelpunkt steht dabei der Deckungsbeitrag, also die Differenz zwischen Umsatz und variablen Kosten.
Formel:
Deckungsbeitrag (DB) = Erlöse - variable Kosten
Was sagt uns das?
Der DB zeigt, wie viel ein Produkt zur Deckung der Fixkosten beiträgt – und darüber hinaus zum Gewinn.
Deckungsbeitragsrechnung – ganz konkret
Die Deckungsbeitragsrechnung (oft auch als „Direct Costing“ bezeichnet) hat viele Vorteile, vor allem ermöglicht diese realistische Entscheidungen über Sortimentsbereinigungen, Preisuntergrenzen, Sonderaufträge oder (ganz wichtig!) das optimale Produktionsprogramm, wenn Ressourcen knapp sind.
Stellen wir uns vor:
Ein Unternehmen stellt mehrere Produkte her, aber die Maschinenkapazität reicht nicht aus, um alle voll zu produzieren. Welche sollen bevorzugt hergestellt werden?
Relativer Deckungsbeitrag – der wahre Star
Hier kommt er ins Spiel: der relative Deckungsbeitrag.
Wenn eine Engpassressource (meist Zeit auf einer Maschine, Arbeitsstunden oder Material) limitiert ist, reicht der absolute DB nicht mehr aus. Stattdessen fragt man: Wieviel Deckungsbeitrag erziele ich je Einheit der Engpassnutzung?
Formel:
Relativer DB = Deckungsbeitrag pro Stück / Verbrauch an Engpass-Einheit je Stück
Damit bewerten wir also nicht nur das Produkt an sich, sondern seine Wirtschaftlichkeit in Bezug auf die knappe Ressource.
Ein praktisches Beispiel
Angenommen, ein Unternehmen produziert drei Produkte: A, B und C.
Produkt | Verkaufspreis | variable Kosten | DB/Stück | Maschinenzeit je Stück | Engpass? |
A | 100 € | 60 € | 40 € | 2 Stunden | JA |
B | 80 € | 50 € | 30 € | 1 Stunde | JA |
C | 120 € | 90 € | 30 € | 0,5 Stunden | JA |
Jetzt berechnen wir den relativen Deckungsbeitrag:
A: 40 € / 2 h = 20 €/h
B: 30 € / 1 h = 30 €/h
C: 30 € / 0,5 h = 60 €/h
Erkenntnis: Obwohl A den höchsten absoluten DB hat, bringt C den höchsten relativen DB pro Stunde Maschinenzeit. Ergo: Wenn Maschinenzeit knapp ist, sollte zuerst Produkt C, dann B und zuletzt A produziert werden!
Typische Fragen, die bei dieser Thematik auftauchen:
Warum darf man die Fixkosten in der kurzfristigen Entscheidung außen vor lassen?
→ Weil sie ohnehin anfallen – unabhängig davon, ob produziert wird oder nicht.
Ist das fair gegenüber Produkten mit hohem Fixkostenanteil?
→ Langfristig muss man natürlich auch die Fixkosten decken – aber kurzfristige Engpassentscheidungen erfordern andere Prioritäten.
Wie kommt man auf die Engpassressource?
→ Die ergibt sich aus der Produktionsrealität: z. B. Maschinenlaufzeit, Materialengpässe, Personalstunden, Lagerfläche, etc.
Gibt’s das auch in echt – nicht nur in der Theorie?
→ Aber hallo! Gerade in Zeiten gestörter Lieferketten oder Energierationierung ist es lebensnotwendig, seine Produktion nach relativen Deckungsbeiträgen zu priorisieren.
Und was bedeutet das für uns in der Lehre und Praxis?
Die klassische Deckungsbeitragsrechnung ist schon ein praktischer Wegweiser, aber der relative DB ist die Krönung, wenn es darum geht, knappe Ressourcen optimal einzusetzen.
In der Praxis ist diese Betrachtung für:
Produktionsbetriebe mit begrenzten Maschinenstunden
Bäcker mit einer bestimmten Menge Mehl
Berater mit begrenzten Zeitkontingenten
…und viele mehr ein echter Entscheidungs-Booster.
Quintessenz
Die Teilkostenrechnung liefert uns entscheidungsrelevante Informationen, indem sie sich auf das konzentriert, was sich tatsächlich verändert: die variablen Kosten.
Der Deckungsbeitrag hilft, Produkte zu bewerten.
Und der relative Deckungsbeitrag?
Er ist unser Navigationssystem in Zeiten der Engpässe.
Gerade wenn das Jahr zu Ende geht oder wenn der Tag einfach zu wenige Stunden hat, zeigt uns der relative DB, was sich (noch) lohnt und was besser warten muss.
Der Download
Hier finden Sie ein Glossar zur Teilkostenrechnung, das Ihnen ein praktisches Nachlagen zu diesem Thema ermöglicht.



